Was ist Attachment Parenting? …oder wie „erzieht“ man Kinder bedürfnisorientiert?

Das Konzept „Attachment Parenting (abgekürzt: AP)“ kommt aus dem englischen, zu Deutsch bindungsorientierte Elternschaft (laut Wikipedia). Oder noch besser: Bedürfnisorientierte Elternschaft. Es führt auf das Buch „The Baby Book“ des Kinderarztes William Sears aus dem Jahr 1993 zurück.

 

„Freche Kinder kriegen nichts.“

Bis in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein, war die sogenannte traditionelle Erziehung die gängigste Methode, um ein Kind aufzuziehen. Kinder wurden stark gelenkt: Sie mussten immer gut zuhören, was gesagt wurde und tun, was ihnen aufgetragen wurde. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurden dann allerdings immer mehr Stimmen laut, die eine Erziehung forderten, bei der Selbstentfaltung, Zuneigung und Empathie eine entscheidende Rolle spielen. Eine dieser modernen Erziehungstheorien ist Attachment Parenting.

Woher kommt Attachment Parenting?

Angeregt wurde Sears durch Beobachtung bei Völkern in Südamerika und Afrika, wo Kinder von ihren Müttern ständig am Körper getragen und nach Bedarf gestillt werden. Erwiesenermassen weinen die Babys in diesen Ländern deutlich weniger, man kennt keine Drei-Monats-Koliken oder Schreibabys.
Jedes Kind hat ein Grundbedürfnis nach Vertrauen, Zuneigung und Empathie. Die Eltern müssen die Entwicklung dieser Eigenschaften fördern. So wird das Kind später in der Lage sein, stabile und dauerhafte Beziehungen aufzubauen. Es ist eine intuitive Art der Erziehung, bei der das Kind umsorgt und ungewünschtes Verhalten auf gewaltfreie Weise korrigiert wird. So wird mit einem liebevollen, schützenden Umfeld die Grundlage für ein erfolgreiches Leben im Erwachsenenalter gelegt. Ein so „erzogenes“ Kind wird als Erwachsener unabhängig, emotional stabil und glücklich sein.
Durch die körperliche Nähe sowie die umgehende Befriedigung der Bedürfnisse eines Babys und die sichere Bindung von Mutter und Kind ist eine Entwicklung zu selbstständigen und gleichzeitig empathischen Persönlichkeiten gewährleistet.
Das bedeutet für Sears, die Kinder werden so lange sie wollen in Tüchern oder Tragehilfen am Körper getragen und auf Verlangen jederzeit gestillt. Sie schlafen nachts im Bett der Eltern (Familienbett). Aktives Entwöhnen gibt es nicht. Die Kinder bestimmen selber den Zeitpunkt, wann sie nicht mehr gestillt werden wollen und aus dem Familienbett ausziehen möchten.

Attachement Parenting nach Sears

Der Begriff „Attachment Parenting“ wurde Ende der 1970ger Jahre geboren. Nachdem William Sears sieben Jahre lang mit Kindern und Eltern gearbeitet hatte, begann der Kinderarzt eine Methode zu entwickeln, bei der die liebevolle Elternschaft und eine harmonische Beziehung zu dem Kind im Mittelpunkt standen. Er nannte acht Punkte, mit denen die Bedürfnisse und das geistige und körperliche Wohlbefinden des Kindes optimiert werden.

– Sofortiger Kontakt nach der Geburt
– Auf die Zeichen und Signale eines Kindes achten
– Stillen
– Körperkontakt (Tragen)
– Körperkontakt in der Nacht (Familienbett)
– Positiv und nicht negativ verbessern (nicht mit Aggressionen reagieren, kein Bestrafen)
– Trennung vermeiden
– Ausgeglichenheit

William Sears beschreibt in seinem Buch „Attachement Parenting“ den Erziehungsstil nicht als Rezept für eine garantiert harmonische Eltern-Kind Beziehung. Vielmehr soll AP als Werkzeugkasten dienen, aus dem man sich rausnimmt, was für die eigene Familie passt und sich stimmig anfühlt. Man soll ausprobieren, was zum eigenen Lebensstil passt und für die eigene Familie hilfreich und gut ist.

Attachment Parenting vs. Detachment Parenting

Warum sollte man sich für „Attachement Parenting“ und nicht für „Detachment Parenting“ (soviel wie Distanzierte Elternschaft) entscheiden?
Vergleiche selbst die beiden „Erziehungs-Stile“ und deren Auswirkungen…

 Attachment Parenting  Detachment Parenting
 „Sei offen für die Signale deines Babys.“  „Lass dein Leben nicht von deinem Kind bestimmen.“
 „Nimm dein Baby überall hin mit.“  „Du musst mal alleine weg.“
 „Schaue nicht auf deine Uhr.“  „Dein Baby soll sich an einen Zeitplan halten.“
 „Reagiere auf jede Art von Weinen, sofort.“  „Lass dein Baby auch mal weinen.“
 „Reise als Familie.“  „Du und dein Mann sollten mal alleine verreisen.“
 „Schlaft alle zusammen in einem Bett.“  „Dein Kind darf nicht im Elternbett schlafen. Es gewöhnt sich sonst daran.“
 „Dein Baby schläft, wenn es müde ist.“  „Dein Baby geht um 19 Uhr ins Bett. Wenn es nicht schlafen will, lass es schreien. Es muss das lernen.“
 „Stille solange wie es für beide stimmt, das Baby darf sich idealerweise selber abstillen.“  „Was? Du stillst immernoch?“
 „Der harmonische Umgang mit deinem Baby wird auf natürliche Art und Weise gestärkt.“  „Du machst dein Baby abhängig von dir.“
 „Lass Autorität aussen vor, vertraue deinem Kind“  „Es hat dich im Griff.“
 Ergebnis Attachement Parenting  Ergebnis Detachment Parenting
 Du wirst Selbstvertrauen in deine eigene Fähigkeit des Elternseins entwickeln.  Du bist unsicher, du vertraust deinem Mamainstinkt nicht. Du bist angewiesen auf Hilfe von Anderen.
 Du kennst dein Kind sehr gut.  Du und dein Baby haben wahrscheinlich eine distanzierte oder angespannte Beziehung.
 Du entwickelst realistische Erwartungen an dein Kind.  Du vergleichst dein Kind mit anderen Kindern.
 Du bist lockerer eingestellt, wenn eine neue, herausfordernde Phase oder ein neuer Wachstumsschub ansteht.  Du bist genervt, wenn dein Baby nach mehr Aufmerksamkeit verlangt.
 Du kannst dein Baby mehr geniessen.  Du suchst immer wieder nach Erfüllung und Bestätigung.
 Du erkennst gute von schlechten Ratschlägen.  Du bist anfällig auf schlechte Ratschläge.
 Du hast Frieden mit deinem Kind.  Du lebst deine Elternschaft auf der Überholspur.
 Dein Kind lernt zu Vertrauen.  Dein Kind lernt nicht zu Vertrauen.

Diese Tabelle stammt aus dem Buch „Christian Parenting & Child Care“ von William Sears

 Das ist doch Laissez-faire? Die Kinder werden zu sehr verwöhnt!

Kritiker sehen Attachment Parenting als ständiges Verwöhnen ihrer Kinder. Dem ist aber nicht so. Verwöhnen heisst, den Kindern unbekümmert alles zu geben.
Attachment Parenting bedeutet nicht, seinem Kind alles zu geben, was es will. Attachment Parenting bedeutet auf die Kompetenzen und Bedürfnisse seines Kindes einzugehen. Liebe und Geborgenheit sind es, was ein Kind braucht. Die Bedürfnisse eines Kindes werden aktiv beobachtet und gestillt. AP bedeutet nicht, Angst vor Tränen oder Wutausbrüchen eines Kindes zu haben oder diese versuchen zu unterdrücken. Attachment Parenting lernt uns zu verstehen, woher die Wutausbrüche kommen und versteht die Emotionen und Tränen eines Kindes. Tränen kommen nicht von Manipulation oder weil das Kind die Eltern nerven oder ausspielen möchte, sondern weil die Emotionen mit ihnen durchgehen und weil sie überwältigt sind von ihren Gefühlen und diese nicht einordnen können.

Wir nehmen unsere Babys in den Arm und trösten sie, wenn sie weinen. Wir lernen ihnen mit den Gefühlen und Emotionen umzugehen und dass es normal ist, frustriert oder traurig zu sein. Wir lassen ein Baby niemals weinen. Am Tag nicht genauso wenig wie in der Nacht. Auch keine 2 Minuten. Wir reagieren genauso auf die Tränen von Babys wie auf die von älteren Kindern. Aus dem einfachen Grund: Geborgenheit und Nähe geben ist umsonst, Liebe kostet nichts und wenn ein Kind weint und offensichtlich Nähe und Geborgenheit braucht, ist es der Job der Eltern diese Bedürfnisse zu befriedigen.
Attachement Parenting bedeutet nicht, dass wir uns nicht von unseren Kindern lösen können (oder wollen). Sobald sie sich selbständig fortbewegen können, können sie die Welt anfangen zu erkunden. Sie lernen krabbeln, laufen, rennen, hüpfen… Der natürliche Weg, um die Welt zur erkunden. Sie dürfen Erfahrungen sammeln, soviel sie wollen. Wir schützen sie vor Gefahren, räumen diese aus dem Weg und machen sie darauf aufmerksam. Wir erklären. Aber wir engen unsere Kinder nicht ein.
Wir rennen mit ihnen herum, küssen sie und knuddeln sie und schlafen alle zusammen in einem Bett. Die Eltern vermitteln Geborgenheit.

Das sind dann die sogenannten Übermütter, oder?

Attachment Parenting heisst nicht, dass wir egoistisch erziehen. Es ist auch keine selbstlose Erziehung. Wir tun es nicht für uns, und wir wollen uns damit nicht quälen.

AP sind keine Helikopter Eltern (Überfürsorgliche Eltern, auch Übermutter). Wir kontrollieren nicht alles. Sondern wir:
– …beaufsichtigen, überwachen und betreuen…
– …demonstrieren und erklären…
– …zeigen, wie ein Kind Dinge sicher und ohne Angst machen kann
– …lassen das Kind seine Wünsche leben: Zuerst mit Hilfe und Unterstützung, dann mit Anleitung und anschliessend lassen wir sie in unserem Vertrauen alleine machen

Wer AP oder bedürfnisorientiert „erzieht“ , schlägt sein Kind niemals, auch nicht auf die Finger.

 Mein Kind braucht doch Regeln und Grenzen!

Oft heisst es, Kinder brauchen Struktur, Regeln und Grenzen.
Bedürfnisorientierte Eltern glauben an ihr Kind, an sein Können und seine Kompetenzen. Sie glauben daran, dass das Kind instinktiv das Richtige tut. Eltern halten zusammen und sind keine Gegner. Und die Kinder lernen selbständig und werden nicht trainiert und gefördert.

Zusammen gefasst:

Bei Attachment Parenting steht das Kind im Zentrum, die Bedürfnisse eines Kindes stehen im Fokus. Attachment Parenting ist Liebe für und Vertrauen in unsere Kinder. Wenn wir dazu in der Lage sind, dann werden sie umgekehrt uns lieben und vertrauen und zu selbstbewussten Erwachsenen heranwachsen.

Was steht in der Bibel?

Jesaja 49:15 „Doch der Herr antwortet: „Kann eine Mutter ihren Säugling vergessen? Bringt sie es übers Herz, das Neugeborene seinem Schicksal zu überlassen? Und selbst wenn sie es vergessen würde – ich vergesse dich niemals!“ “
Jesus lehrt uns viel über Barmherzigkeit. Er begegnet seinem Volk mit Mitgefühl. Begegne auch deinem Baby mit Barmherzigkeit und Mitgefühl.

Buchempfehlung:

  • William und Martha Sears: Das Attachment Parenting Buch. Babys pflegen und verstehen. ISBN 978-3-940596-28-4
  • William Sears: Schlafen und Wachen  ISBN 978-3906675039
  • Jesper Juul: Mein kompetentes Kind ISBN 978-3-499-62533-6

Fotos © Fotolia

3 comments

  1. Melle says:

    Sehr guter Artikel, hab sogar ich alter AP-Hase noch was gelernt! Kannte noch nicht, dass es von Sears ein christliches AP-Buch gibt. Leider nur auf englisch! Aber gefällt mir! :)

  2. Robert says:

    Wow, super Beitrag, wusste ga nichts von dem Begriff und dem Konzept… Sicher liegt bei allen Eltern auch eine Mischform vor – alleine, weil die Ressourcen begrenzt sind! Aber man kann schon versuchen, mehr AP zu betreiben!

  3. Muttergans.de says:

    Vielen Dank dafür! Eigentlich normal, müssen viele den natürlichen Weg wieder lernen. Natürlich ist es nicht ganz so einfach in der heutigen Zeit, die Menschen ticken anders, das Leben hat sich verändert und man braucht für alles Modelle.

    Weiter so

    LG von Muttergans.de

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