Und ich bin gern ein Schimpanse! – Warum Stillen für Mutter und Kind so viele Vorteile bringt.

Am letzten Sonntag bin ich auf der NZZ Homepage auf den Artikel „Muttermilch: Weib du sollst stillen“ von Katharina Bracher (siehe NZZ am Sonntag) gestossen. Selten habe ich so einen schlecht rechechierten und vorallem stillfeindlichen  Artikel gelesen. Ich war schockiert.

 

Für mich war sofort klar. Ich als langszeitstillende Mama kann das so nicht auf mir sitzen lassen.

Ich wende mich direkt an Sie, Frau Bracher. Haben Sie Kinder? Ich denke nicht. Falls doch, dann durften sie wahrscheinlich keine lange Stillzeit geniessen.

Ich bin eine Mama, die ihre Kinder stillt. Und zwar lange. Solange, wie es für mein Kind und mich stimmt. Und wissen Sie was? Ich mache es richtig gerne und geniesse diese intensive, innige Zeit. Geniessen? Genau!

Ich folge keinem Druck, keinem Plan und keiner Uhr, sondern stille nach Bedarf, egal wo und ob nun 15 Minuten seit dem letzten Stillen vergangen sind oder bereits 2 Stunden.

Jeder Anfang ist schwer

Eine Stillbeziehung muss entstehen, wie jede andere Beziehung auch. Sie ist nicht einfach so da und perfekt. Mutter und Kind müssen sich kennen lernen. Das Baby die richtige Saugtechnik erlernen und die Mama das Baby korrekt anlegen.

Oft gelingt das nicht von Anfang an. Es wird Hilfe benötigt. Dazu gibt es ausgebildete Stillberaterinnen, welche leider oft erst zu spät oder gar nicht hinzugezogen werden.

Weib du musst nicht stillen

Es ist jeder Frau selbst überlassen, ob sie stillen will oder nicht.

Auch wenn die Vorteile des Stillens überwiegen, kann ich verstehen, wenn es nicht in jede Lebenssituation passt. Auch wenn man auswärts und in der Öffentlichkeit lieber nicht stillen mag, bietet sich der Schoppen an.

Wir haben sauberes Wasser und kontrollierte Pulvermilch mit mehr oder weniger guten Zusätzen, die wir verwenden können, sollte das Stillen nicht klappen oder wenn man nicht stillen will.

Was ich allerdings nicht verstehe, ist, wenn Ausreden erfunden werden, warum man nicht stillen „kann“. Eine beliebte Antwort ist oft, man hat nicht genug Milch. Das ist jedoch nur bei sehr wenigen Frauen wirklich der Fall, denn die Nachfrage regelt den Bedarf. Also kurz: wer öfters stillt, produziert auch mehr Milch. Wird mit Flasche zugefüttert, kann sich diese Nachfrage nicht einstellen und es wird folglich weniger Milch produziert.

Es ist jeder Frau selbst überlassen, für welche Methode der Fütterung sie sich entscheidet. Dennoch möchte ich an dieser Stelle gerne auf die Vorteile des Stillens für die Mutter aufmerksam machen (ja richtig, auch wir Frauen profitieren vom Stillen):

– Stillen ist kostenlos und zu jeder Zeit an nahezu jedem Ort möglich. Das Zubereiten von Flaschennahrung unter hohen hygienischen Anforderungen entfällt. Das Schlafen wird durch das Stillen weniger gestört.
– Stillende Mütter verlieren nach der Geburt meistens schneller an Gewicht, da Stillen zusätzliche Energie verbraucht.
– Das Saugen des Säuglings an der Brust führt zu einer verstärkten Ausschüttung von Prolaktin, die Mutter bleibt gelassener.
– Das Hormon Oxytocin beeinflusst nicht nur den Stillvorgang, sondern löst Kontraktionen der Gebärmutter (Stillwehen) aus. Der damit verbundene Druck auf die Gefässe führt zu Blutstillung, Abstossung von Wundsekreten aus der Gebärmutter sowie deren Rückbildung. Gleichzeitig wird Blutarmut und Eisenmangel vorgebeugt.
– Darüber hinaus verringert Oxytocin die Ausschüttung von Stresshormonen bei Mutter und Kind und fördert die Bindung zwischen beiden („Bindungshormon“).
– Stillen senkt das Risiko der Mutter für Brust- und Eierstockkrebs sowie für Osteoporoseerkrankungen.
– Eine schwedische Studie konnte aufzeigen, dass Frauen, die mindestens ein Jahr stillen, nach den Wechseljahren ein geringeres Risiko für rheumatoide Arthritis aufweisen.
-Stillen senkt das Risiko der Mutter für Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes Typ II und Übergewicht.

Ich fordere: Mehr Toleranz

Warum werden Ausreden erfunden, wenn man nicht stillen mag? Jede Frau darf frei entscheiden, ob und wie lange sie stillen mag. Sie soll dabei aber auch ehrlich sein – finde ich. Ich toleriere Mütter, die mit Flasche füttern, genauso will ich aber auch akzeptiert werden, wenn ich mein Kind stille. Auch länger, als die meisten Frauen in der Schweiz oder Deutschland.

Warum ich gerne eine Schimpansin bin

Primatenweibchen sind gute Mütter. Sehr gute sogar. Sie Tragen ihre Babys ständig direkt bei sich am Körper. Schlafen gemeinsam an einem Ort und Stillen Ihre Affenbabys nach Bedarf. Viel Nähe und Geborgenheit also, und so wachsen eigenständige und selbstsichere Affenweibchen und -männchen heran. Wieso soll es bei uns also nicht genau so sein?

Wellnesspalast Spital?

Wieso gehen Sie, Frau Bracher, davon aus, dass es im Spital nur um die Bedürfnisse einer Mama geht? Auch ein Baby hat Bedürfnisse und möchte nach 40 Wochen Wärme im Mutterleib bestimmt nicht direkt ins Säuglingszimmer gelegt und von einer fremdem Person betreuut werden.

Solche Ansichten sind sehr veraltet. Das Rooming-in macht durchaus Sinn. Ein Baby gehört auch nach der Geburt zu seiner Mama und braucht ihre Nähe und Wärme. Zudem soll es nach Bedarf gestillt werden.

Auch Zuhause braucht das Baby Nähe. Dass die La Leche Liga das Familienbett empfiehlt macht durchaus Sinn. Nur in der westlichen Kultur schlafen Eltern und ihre Kinder getrennt. In vielen, vielen anderen Ländern schlafen alle Familienmitglieder beieinander. So kann das Baby sofort gestillt werden, die Mama muss nicht aufstehen und kommt so zu genug Schlaf.

Beweise wieso die Muttermilch besser ist als Pulvermilch?

Frau Bracher, brauchen Sie Beweise? Ich appelliere an Ihren gesunden Menschenverstand. Wieso soll etwas, dass die Natur für seine Nachkommen entwickelt hat nicht gut sein? Oder wieso soll es nicht sogar das Beste sein?

Pulvermilch wird vom Menschen hergestellt. Und wann macht der Mensch schon alles perfekt? Eben! Auch in Pulvermilch werden oft Sachen gefunden, welche dort nicht rein gehören. Oftmals ist viel zu viel Maltodextrin oder Stärke enthalten. Wieso also nicht auf das zurückgreifen, was Gott so perfekt geschaffen hat? Es ist kostenlos und immer verfügbar. Für mich Grund genug :-).

Liebe Frau Bracher, wenn Sie auch mal Kinder möchten, oder künftig eine Freundin im Spital besuchen, die erst gerade Mama geworden ist, hier mein Tipp:

Akzeptieren Sie ihre Entscheidung. Ob sie nun Stillen will oder nicht. Informieren Sie sich an seriösen Quellen, bevor Sie zu schreiben oder reden beginnen. Sollte eine Ihrer Freundinnen Mühe mit dem Stillen haben, geben Sie ihr die Nummer der La Leche Liga! Am Besten rufen Sie selber dort an oder nehmen an einem Stilltreffen teil. Vielleicht wird Ihnen so die negative Einstellung zum Stillen genommen.

Langzeitstillmama Fleur

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