Warum Babys weinen

Viele Kinder weinen in den ersten Wochen viel. Die üblichen Erklärungen für dieses anhaltenende Weinen konzentrieren sich vorallem auf mögliche körperliche Ursachen. Am Häufigsten heisst es, Babys weinen am Anfang soviel, weil ihr Verdauungssystem noch nicht vollständig entwickelt ist. Sie haben deswegen Koliken, Krämpfe oder  Bauchschmerzen. Im Zusammenhang damit wird häufig der Begriff „Dreimonatskolik“ verwendet.

Bei den meisten Babys, die anhaltend weinen, konnten Forscher  jedoch keine Magen-Darm-Störungen nachweisen. Ausserdem nehmen diese Babys trotz stundenlangem Schreien zu und gedeihen allgemein gut. Wäre das Verdauungssystem nicht voll funktionsfähig, wäre dies wahrscheinlich nicht der Fall.
Gegen die Theorie von „Koliken“ spricht auch, dass nicht alle Babys nach dem  dritten Lebensmonat aufhören zu Weinen. Es ist unwahrscheinlich, dass das Verdauungssystem im neunten Lebensmonat, wo viele Säuglinge weiterhin täglich bis zu einer Stunde oder länger weinen, immer noch nicht voll entwickelt ist.

 

Zwei Gründe für das Weinen von Babys:

1. Kommunikation: Das Baby braucht etwas:
gehalten werden, Nahrung, Anregung usw.
Versuchen Sie das Bedürfnis Ihres Babys so präzise und schnell wie möglich zu erfüllen.
2. Heilung: Das Baby hat etwas stressvolles erlebt:
körperliche Verletzung, emotionale Verletzung
Beseitigen Sie die Ursache der Verletzung, vermindern Sie den Stress, halten Sie Ihr Baby liebevoll und erlauben Sie ihm, weiterzuweinen.

Für das Baby ist es oft schwierig, sich auf dieser neuen, lauten und hellen Welt zurecht zu finden. Die Eindrücke sind überwältigend und oftmals einfach zu viel für so kleine Babys.

Stellen Sie sich vor: Sie waren bisher in einer wohlbehüteten Wohnung, alles um Sie herum war vertraut, warm, wohlig. Keine lauten Stimmen, kein grelles Licht und dann… Dann werden Sie geboren. In eine Welt voll mit Lärm und Eindrücken. Ein Einschnitt in Ihr Leben. Das muss man zuerst einmal verarbeiten können. Oft braucht ein Baby ganz einfach Zeit, viel Geborgenheit, Nähe um auf dieser Welt anzukommen.
Im Bauch war das Baby die Geräusche des mütterlichen Körpers (Herzschlag, Verdauungsgeräusche und die Stimme der Mutter), andere leise Geräusche, gedämpftes Licht, eine konstante Temperatur und ständige Bewegungen gewöhnt.

 

Stressursachen bei Babys:
– pränataler Stress
– Geburtstrauma
– unbefriedigte Bedürfnisse
– Reizüberflutung
– entwicklungsbedingte Frustration
– körperlicher Schmerz
– beängstigende Erlebnisse (z.B. laute Geräusche, Trennung von den Eltern, Stress der Eltern)

 

Erinnert sich Ihr Baby an die Geburt?
Untersuchungen zeigen, dass sich viele Kinder an ihre Geburt erinnern und diese Erinnerungen mit der Realität übereinstimmen. In seinem Buch „Woran Babys sich erinnern“ beschreibt David Chamberlain faktische Geburtserinnerungen, von denen Kinder berichteten. Alles, was Ihrem Baby bei der Geburt passiert, wird also irgendwo in seinem Gehirn abgespeichert und kann Nachwirkungen für das Kind haben.
Schmerzliche oder beängstigende Erfahrungen unmittelbar nach der Geburt können ebenso traumatisch sein, wie die Geburt selbst. In dieser Phase ist das Neugeborene vielen neuen Erfahrungen ausgesetzt. Es ringt darum, einen Sinn in dem Chaos zu finden. Es sucht Ähnlichkeiten zwischen neuen Empfindungen und dem Alten, Vertrauten. So funktioniert das menschliche Gehirn.
Wenn das Baby dicht am Körper der Mutter ist, hört es ihren Herzschlag und ihre Stimme und spürt das sanfte vertraute Wiegen durch ihre Atembewegungen. Das ist tröstlich für das Kind.
Frischegebackene Mamas sollen ihre Babys von Anfang an genau beobachten, um zu wissen, was das Beste für ihr Kind ist. Nur so können sie auf die Signale richtig eingehen.

Forscher haben herausgefunden, dass körperlicher Schmerz, den Säuglinge in der Phase unmittelbar nach der Geburt erleben, langfristige Folgen für die zukünftige Entwicklung des Kindes haben kann. Kleine Jungen, die man gleich nach der Geburt beschnitten hatte, weinten bei Routineimpfungen im Alter von vier und sechs Monaten heftiger als Säuglinge die nicht beschnitten worden waren.

 

Die Bedürfnisse eines Neugeborenen
– Wärme
– Nähe/Körperkontakt (berührt und gehalten werden)
– Sanfte Bewegung/Wiegen
– Geräusch des Herzschlags
– Die ruhigen Stimmen von Mutter und Vater
– Sensible Einfühlung von Erwachsenen
– Sofortiges Eingehen auf sein Weinen
– Gestillt werden, sobald es Hunger hat
– Schutz vor Reizüberflutung

 

Vier grundlegende Annahmen aus „warum Babys weinen“ von Althea J. Solter

1. Babys wissen, was sie brauchen.

2. Wenn wir die Bedürfnisse von Babys erfüllen und sie nicht körperlich oder seelisch verletzen, wachsen sie zu intelligenten, mitfühlenden, nicht gewalttätigen Menschen heran.

3. Babys sind extrem verletzlich und frühe Traumen und unerfüllte Bedürfnisse können langfristige, negative Folgen für sie haben.

4. Babys sind imstande, von vielen Auswirkungen von Stress und Trauma zu genesen.

 

Nähe und Körperkontakt sind wichtig
Gesellschaften, in denen die Erwachsenen Säuglinge häufig berühren, halten und herumtragen, sind meistens gewaltfreier als Gesellschaften, in denen sich die Versorgung von Säuglingen hauptsächlich darauf beschränkt, sie zu füttern, zu baden und ihre Windeln zu wechseln.
Jean Liedloff, die bei den Yequana-Indianern in Venezuela lebte, führte das friedliche Verhalten der Erwachsenen darauf zurück, dass es hier üblich ist, die frühen Bedürfnisse der Babys nach Gehaltenwerden zu erfüllen. In ihrem Buch: „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ nennt sie das erste Jahr nach der Geburt die „Phase des Getragenwerdens“, eine Entwicklungsphase, in der Säuglinge eine angeborene biologische Erwartung nach kontinuierlichem körperlichen Kontakt und Bemutterung haben.
Untersuchungen haben gezeigt, dass Berührungen grossen Einfluss auf die Entwicklung von Säuglingen haben.

 

Vorsicht vor dem Verwöhnen?
Die Vorstellung, wir könnten Babys verwöhnen ist noch heute sehr verbreitet. Dabei ist es unmöglich, Babys zu verwöhnen! Manche Eltern sind der Annahme, dass Babys lernen müssen, eine gewisse Zeit allein zu sein oder alleine einzuschlafen. Sie befürchten, wenn sie ihr Kind zu sehr lieben und liebevoll berühren, fordert es unersättlich immer mehr. Das Kind könnte zum fordernden Monstrum werden, das seinen Eltern nicht eine Minute Ruhe gönnt. Diese Überlegungen sind völlig falsch. Babys verlangen nur, was sie brauchen. Wenn ihr Bedürfnis befriedigt ist, sind sie zufrieden.

 

Warum weint mein Baby, wenn alle seine Bedürfnisse befriedigt sind?
In den westlichen Gesellschaften weinen Säuglinge in den ersten drei Lebensmonaten ohne offensichtlichen Grund täglich durchschnittlich zwei Stunden. Der Höhepunkt dieses Weinens leigt meistens in der sechsten Woche nach der Geburt. Häufig tritt dieses Weinen abends auf.
Babys einer ländlichen indischen Kleinstadt weinten zwar insgesamt weniger, aber ebenso häufig wie Babys in einer Grossstadt. Der einzige Unterschied: Mütter in der westlichen Welt reagieren anders auf das Weinen, als Mütter aus der nicht-westlichen Gesellschaft.

 

Was tun, wenn mein Baby weint?
Sollte Ihr Baby einmal ungewöhnlich heftig weinen oder sein Weinen anders klingen als sonst, könnte es ein Anzeichen für eine ernsthafte Erkrannkung sein. Auch wenn das Baby kein Fieber hat, ist es wichtig, in diesem Falle mit ihrem Baby zu einem Arzt zu gehen, um körperliche Ursachen auszuschliessen.
Ist Ihr Baby jedoch gesund, und sein Weinen gilt als normales „kolisches“ Weinen, sollten Sie als Erstes nachschauen, ob Ihr Baby etwas braucht. Wenn Sie geklärt haben, dass Ihr Kind keine unmittelbaren Bedürfnisse, körperlichen Krankheiten, Schmerzen oder andere Beschwerden hat und Ihr Baby weint immernoch, dann können Sie davon ausgehen, dass es Spannungen abbaut, die auf früheren Verletzungen beruhen.

Aus dem Buch „Warum Babys weinen“ von Althea J. Solter:

„Anfangs versuchte ich alles Mögliche, damit er sich besser fühlte und aufhörte zu weinen. Ich trug ihn herum, aber nichts half. Eines Abends kam uns eine Freundin besuchen, als er gerade einen seiner langen Weinanfälle hatte. Sie hielt ihn einfach. Sie war wirklich ganz etspannt mit ihm. Sie sass einfach da, hielt ihn und sagte zu ihm: „Das machst du einfach prima.“ Mir fiel danach zum ersten Mal auf, wie entspannt er nach diesem Weinanfall war, daran wurde mir klar, dass ihm das wirklich guttat. Ab der Zeit liessen wir ihn einfach weinen. Wir hielten ihn dabei und liessen ihn so lange weinen, wie es eben dauerte. So ging es Abend für Abend.“

 

Dieser Umgang mit einem weinenden Baby darf keinesfalls verwechselt werden mit der Haltung „Babys einfach weinen zu lassen“. Althea J. Solter schreibt in ihrem Buch über 3 Gründe, warum man weinende Babys niemals allein lassen sollte. Erstens: weint ihr Baby vielleicht, weil es ein Bedürfnis hat. Zum Beispiel das Bedürfnis nach Körperkontakt. Hört das Baby auf zu weinen, wenn Sie es hochheben, haben Sie dieses Bedürfnis befriedigt.
Zweitens: es braucht Anwesenheit von anderen Menschen, um seine Spannungen abbauen zu können. Ihre Gegenwart bietet Ihrem Kind die notwendige emotionale Sicherheit. Drittens: müssen Babys immer wissen, dass Sie es immer schätzen und akzeptieren, ganz gleich wie sie sich fühlen oder was sie tun.
Wenn Sie Ihr weinendes Baby ständig ignorieren,  kann es zu der Überzeugung gelangen, dass es nur dann liebenswert ist, wenn es glücklich ist. Es unterdrückt seine  schmerzlichen Emotionen, um akzeptiert und geliebt zu werden. Babys brauchen die Bestätigung, dass ihre Gefühle von Traurigkeit und Ärger der Bindung an ihre Eltern keinen Abbruch tun. Am Besten vermitteln Sie das Ihrem Baby, wenn Sie es beim Weinen halten.

Beitragsbild: Fotolia

4 comments

  1. Lucy says:

    Schöner Artikel. Noch schöner wäre er, wenn erwähnt würde, dass Babys Bedürfnis auch ein anderes sein könnte. Babys zeigen, wenn sie Pipi oder ein grosses Geschäft machen müssen. Sie wollen nämlich sich oder die tragende Person nicht beschmutzen.

    Mein Tipp: Baby einfach mal übers WC oder Lavabo halten. Ssss-Geräusch machen und sehen was passiert!

  2. Bridgette says:

    Liebe Fleur,
    vielen Dank für diesen herzenswarmen, dem Baby gegenüber so verständnisvollen Artikel. Babys brauchen Menschen wie Dich, die für sie sprechen. Wie klar und schön die Bedürfnisse der Babys beschrieben sind. Echt wertvoll und hilfreich.

    Meine Erfahrung mit großen und kleinen Menschen lehrt mich, dass Babys (und die Kinder in uns Erwachsenen) nicht nur „ihre“ eigenen Gefühle und Spannungen tragen und ausagieren..sondern, wie Du ja auch beschreibst, oft Spannungen und Stress aus der Umgebung und ihrer engsten Bezugspersonen spüren. Ich behaupte sogar dieser Anteil ist extrem hoch. Das heißt dann also tatsächlich, dass die verantwortlichen Erwachsenen viel bei sich selbst tun können, um dem Baby das bestmögliche Umfeld zu bieten.

    In einem konkreten Fall, habe ich einmal eine Freundin und ihr ca. einjähriges Kleinkind besucht. Es war munter und zufrieden, als ich kam.
    Mir ging es nicht gut, ich war sehr traurig. Das Kind und ich aber mögen uns sehr und so habe ich es auf den Arm genommen und mit ihm eine Weile gespielt, es gehalten. Danach war es quengelig und unruhig. Erst dachten wir, es will weiter spielen etc. Dann wurde mir bewusst, „Es hat meine Energie unter dem Spiel gefühlt und hatte meinen Stress nun in seinem ungeschützten, offenen, sensiblen Körper. Augenblicklich habe ich Verantwortung dafür übernommen und laut und deutlich im Raum zu ihm gesagt, „es tut mir leid, du trägst da gerade meinen Stress, bitte lass es los und ich trage es, weil es zu mir gehört“. Die Entspannung des Babys folgte augenblicklich. Es hörte auf zu weinen und spielte ruhig weiter! Wahrheit setzt frei. Auch Kinder. Große und Kleine. Und wenn wir uns dann um unseren eigenen Stress kümmern hilft erfahrungsgemäß, ein ehrliches Gebet mit der einfachen Bitte um Hilfe. Wer bittet, dem wird gegeben. Darauf vertraue ich in meinem Leben und in meiner Arbeit mit vielen Menschen und dieses Vertrauen ist immer belohnt worden. Weiterhin alles Gute und nochmal Danke! für diesen wunderschönen Artikel, der auch uns Großen hilft und zeigt, was wir wirklich brauchen.

    Herzlich, Bridgette

  3. Linde says:

    Dein Text ist toll und vieles stimmt.

    Wir sollten viel mehr auf unser Gefühl vertrauen.
    Beim ersten Kind hat man wirklich noch Bauchweh o.ä. Vermutet und hat das Baby mit sab simplex und was es nicht alles gibt, zugeballert.
    Beim zweiten Kind war ich dann sehr viel entspannter. Ich wusste das es Clusterfeeding gibt. Ich wusste das Sie die Brust als eine Art kuscheltier nutzt und ihr mit weinen das Leid klagt. Und so habe ich in solchen Situationen mit ihr da gelegen und ihr die Brust hingehalten und sie dabei gestreichelt und gut zugeredet.

    Sie ist jetzt 7 1/2 Monate und wir hatten nur eine wirklich schlimme Schreiphase als sie zahnte.

    Bei meinem großen war das weinen sehr viel öfter. Allein durch die Flasche. Bus man die endlich fertig hatte, hatte man selbst schob tierischen inneren Stress. Das überträgt sich alles.

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