Können Tränen lügen? – Ein Baby weint nicht ohne Grund!

1926 wurde es amtlich: Eltern sollen dem Weinen von Babys nicht nachgeben, denn sonst lerne das Kind, „dass es durch Schreien das bekommt,  was es will“. Das US-amerikanische Arbeitsministerium, das diese Empfehlung aussprach, legte noch eins drauf: So schaffe man sich „einen Haustyrannen, dessen andauernde Ansprüche aus der Mutter eine Sklavin machen“.

Heute sind wir eher geneigt, den kleinen Kindern zu glauben und auf ihr Schreien einzugehen. Schliesslich wollen wir die Bedürfnisse der kleinen Menschen ernst nehmen und ihnen verlässlich beistehen.

Aber einen Restzweifel scheinen die Eltern einfach nicht loszuwerden, und so mancher gut gemeinte Kommentar der Schwiegermutter haut treffsicher in diese Kerbe: Vielleicht sind die Tränen, die da kullern, ja doch nur ein Mittel, um die Eltern zu manipulieren und ihnen Zuwendung, Brot und Spiele abzupressen?

 

Gefährliche Werbung

Haben Sie schon einmal von der Signal-Theorie gehört?  Diese Theorie ist bei Evolutionswissenschaftlern sehr beliebt und ist eigentlich ganz einfach zu erklären. Die Theorie geht davon aus, dass Lebewesen über ein Netz von Signalen für  sich werben: Männliche Leuchtkäfer beispielsweise schwirren durch die Sommernacht und versuchen mit ihrem irren Feuerzauber Weibchen anzulocken. Sieht romantisch aus, ist aber eigentlich sehr gefährlich für die Käfer. Das Leuchten zieht nämlich auch Fressfeinde an. Sara Lewis sagt: „Jede Nacht begibt sich der Leuchtkäfer auf ein dünnes Drahtseil zwischen Sex und Tod“. Denn je heller ein Käfer leuchtet, desto attraktiver ist er für die Weibchen und zieht aber dementsprechend auch mehr Feinde an.
Oder der Pfau: Je mehr Augen er auf seinem Rad hat, desto sicherer sind ihm die Augen seiner Bewunderinnen. Jedes dieser „Augen“ braucht aber Platz, und das bedeutet zusätzliche Last für den Pfau. Das Gefieder mag prächtig aussehen, aber hindert leider bei alltäglichen Dingen wie z.B. der Flucht vor einem hungrigen Fuchs. Auch hier liegt Romantik und Risiko nah beieinander.
Diese Werbung ist teuer und wird manchmal sogar mit dem Leben bezahlt.
Und dann gibt es da noch die Nachahmer. Man kann ja einfach so tun als ob: Die Nackenhaare aufstellen zum Beispiel ist deutlich billiger als die entsprechenden Muskelpakete zu unterhalten. Auch die Mähne eines Löwen ist  eine ziemlich durchsichtige und wohlfeile „Verkleidung“. Tatsache ist, dass es in der Natur nur so vor Nachamern wimmelt. Auch eine kleine Katze bekommt einen imposanten Buckel hin. Die Mittel, mit denen da geflunkert und getrickst wird, sind schier unerschöpflich. Das Erdhörnchen etwa heizt bei seiner Begegnung mit einer Klapperschlange seinen Schwanz so stark auf, dass die so gut wie blinde Klapperschlange angesichts der Wärmestrahlung meint, da stünde mindestens ein Puma vor ihr.

 

Ehrliche und unehrliche Signale

Wie lässt sich erkennen, was bloss ein Trick ist und wo „echter“ Aufwand betrieben wird? Wer garantiert, dass ein Signal nicht Hochstapelei ist? Wer garantiert, dass der Pfau mit seinem tollen Federkleid wirklich der tolle Hecht ist, den zu sein er vorgibt? Wer garnatiert, dass Tränen keine Krokodilstränen sind, sondern tatsächlich „nicht lügen“?

Die Signaltheorie gibt darauf eine verblüffend einfache Antwort: Man erkennt es an den Kosten. Ehrliche (also durch echte Qualitäten gedeckte) Signale sind für den Sender vor allem eines: teuer. Signale dagegen, mit denen sich ein Trittbrettfahrer nur Vorteile erschleichen möchte, sind billig. Kurz: Der „Wahrheitsgehalt“ eines Signals hängt mit dem Aufwand zusammen. Denn je mehr Anstrengung oder Risiko in einem Signal steckt, desto schwerer lässt es sich kopieren, fälschen oder vortäuschen.

Schauen wir uns einmal das kindliche Schreien an. Geht man nach dieser Signaltheorie sollten die Tränen dann echt sein, wenn sie dem Kind tatsächlich echte Kosten aufbürden. Tun sie das? Ja. Immer. Denn wer schreit, ruft nicht nur helfende Hände herbei, sondern macht auch bei Hunger auf sich aufmerksam. Schreien war zumindest unter evolutionären Bedingungen auch gefährlich. Das erklärt, warum einige Babys nur dann weinen, wenn sie spüren, dass dass ihre Mutter in der Nähe ist. Die Gefahr, ohne Schutz der Mutter von einem Raubtier entdeckt zu werden, wäre zu gross.

Schreien ist aber auch deshalb teuer, weil es viel Energie braucht. Und diese Energie brauchen gerade kleine Menschen sehr stark. Sie benötigen nämlich jede Kalorie zum Wachsen. Je jünger, desto mehr. In den ersten Lebensmonaten stecken Menschenkinder ein Drittel der mit der Nahrung zugeführten Energie ins Wachstum. Das heisst konkret: Im ersten Jahr „schmerzt“ die zusätzliche Energieausgabe fürs Weinen enorm.

Vielleicht erklärt der hohe Aufwand, den das Schreien für ein rasch wachsendes, schutzloses Kind mit sich bringt, dass es sich so unglaublich lange Zeit lässt, bevor es mit dem Schreien so richtig loslegt. Wieso also soviel Energie aufwenden, wenn man die Eltern nur „manipulieren“ möchte?

Denken Sie immer daran: Wenn ein Baby weint, hat es IMMER ein Bedürfnis. Weinen ist für ein Baby enorm anstrengend. Wieso sollte es sich daraus einen Spass machen?

Nehmen Sie das Weinen Ihres Babys immer ernst. Gestillte Bedürfnisse verschwinden, ungestillte Bedürfnisse kommen immer wieder.

 

Quelle und Literatur:

Kinder verstehen – Herbert Renz-Polster

 

Beitragsbild: Pixabay

3 comments

  1. Virtual Private Servers says:

    Schon im Alter von drei Wochen kann ein Baby nicht nur Schreien, sondern auch durch Weinen verstandlich machen, dass ihm etwas fehlt. Es ist ein Hilferuf an die Umwelt, um Aufmerksamkeit zu bekommen und Fursorge zu wecken“, erklart Ahrbeck die Betroffenheit, die Tranen anderer oft auslosen.

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